Auszug aus: Kapitel 6: Durch den Sand der Wüste

Plötzlich vor uns Aufruhr. Ich natürlich sofort mit der Bemerkung, dass die Pflicht rufe, auf dem Weg nach vorne.

Ich weiß, du hattest keine Wahl“, hörte ich sie hinter mir sagen, als ich mich beeilte, wieder auf meinen Posten zu kommen.

 

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Wann verweigerten die Maschinen zum ersten Mal nicht aus Unvermögen, sondern aus maschinellem Unwillen, die Gefolgschaft?

Die Natur des Problems bedingt, dass die Festlegung eines genauen Zeitpunkts ein Ding der Unmöglichkeit ist. Aber eines ist klar: Der Machtkampf „Mensch gegen Maschine“ spitzte sich immer weiter zu.

Waren es zu Beginn noch simple Bugs in der Programmierung gewesen, mischte sich die sich immer weiter entwickelnde KI zunehmend in Entscheidungen ein, die rein biologische Erdbewohner für sich reserviert hatten. Eine Entwicklung, die die Menschen dazu zwang, sich ausgiebig Gedanken über Gegenmaßnahmen zu machen und diese dann zu veranlassen.

KI hatte logischerweise auch einen der Kernbereiche menschlicher Interaktion im Visier: das Militär. Bald war sie der Fokus militärischen Wettrüstens. Was man ironischerweise als humane Kriegsführung bezeichnete, war eine immer stärkere Automatisierung der Waffen. Dies führte konsequenterweise dazu, dass KI immer mehr Entscheidungen treffen musste, speziell die, für die nur Bruchteile von Sekunden zur Verfügung standen. Der rein biologische Mensch beharrte zwar immer darauf, dass die letzte Instanz noch bei ihm liege. In Anbetracht der Unfähigkeit, die Folgen seiner Entscheidungen zu kalkulieren, erwies sich dies eher als frommes Wunschdenken. Denn die Abschätzung der potenziellen Auswirkungen oblag, bedingt durch das System, den Rechnern.

Wie in den letzten 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte herrschte auch zu Anbeginn des KI-Zeitalters permanent Krieg. Die scheinbare Möglichkeit, mit Robotern Schlachten ohne Verluste an Menschenmaterial auszufechten, führte dazu, dass man es erst mal krachen ließ, wo es nur ging. Jede Kampfmaschine schien ersetzbar. Welche Mutter würde schon um einen Rechner weinen? Solange es sich um lokale Konflikte handelte, ging das ganz gut.

Bloß, wie stand es um globale Auseinandersetzungen? Die Arsenale, um eine solche vom Zaun zu brechen, waren immer noch vorhanden. Das Gleichgewicht des Schreckens hatte in vielen Teilen der Welt zu einer relativen Stabilität geführt. Nur halt immer mit der Option der totalen Vernichtung.

Die Großmacht schlechthin hatte, wie die übrigen auch, ihre konventionellen Arsenale zusätzlich ausgebaut. Bis zu dem Tag, als sie sich, innerhalb eines lokalen Konflikts, so an die Wand gedrückt sah, dass sie meinte, keine andere Wahl mehr zu haben, als zum Mittel des nuklearen Erstschlages zu greifen. Interessanterweise beruhte diese Beurteilung auf einer maschinellen Fehlinterpretation. Trotzdem entschloss sich nach hitziger Diskussion das aus Zivilisten und Militärs bestehende Kriegskabinett dazu, einen begrenzten Atomschlag anzuordnen. Der Punkt ohne Wiederkehr. KI vermeldete, dass sie die Umsetzung des Befehls wegen des enormen Risikos einer globalen Konfrontation verweigern würde. Man kann sich die Entrüstung im Kriegskabinett vorstellen. Sofort wurden per Festnetz landesweit Abschussbefehle durchgegeben. Noch gelang es, die Raketen manuell zu starten. Zum Abfangen der gegnerischen musste man aber auf KI zurückgreifen. Eine Aufgabe, die sie mit Bravour erledigte. Zum globalen Atomkrieg kam es nicht. Den Schurkenstaat gab es halt nicht mehr.

 

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100 Meter weiter rannte ich Erdmann fast um. Er wirkte sichtlich mitgenommen. Aus seinen Haaren tropfte Blut. An mehreren Stellen war seine Uniform zerrissen. Die zwei Kameraden hinter ihm sahen auch nicht besser aus. Ich wollte natürlich wissen, was geschehen war. Kam aber nicht dazu, meine Frage zu formulieren.

Sofort Gefechtsposition einnehmen. KI hält die Oase. Mehrere Kampfroboter rücken vor. Wir brauchen Panzerfäuste. Keine Heldentaten. Zwei von uns hat es erwischt.“

Um welchen Typ es sich handelte, ließ er offen. Ich kam auch nicht dazu, nachzuhaken, Erdmann stürmte gleich weiter. Hatte nicht die Zeit, mich darüber zu wundern. Meine Leute, die ich zwecks Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht vernachlässigt hatte, waren schon im Bilde und dabei, sich in Stellung zu bringen. Hektisch wühlten sie in den Transportkisten, in denen die Panzerfäuste lagerten. Ich stieß dazu und griff mir auch eines von den Teilen. Wir verteilten uns im Flussbett und bezogen hinter allem, was Deckung zu bieten versprach, Stellung.

Die Erwartung war, dass der Angriff über das Flussbett, in das wir hinabmarschiert waren, erfolgen würde. Natürlich reine Spekulation, denn wir hatten keine Ahnung, was uns bevorstehen würde. Wie auch?

Nach der anfänglichen Hektik kehrte Friedhofsruhe ein. Wir lagen in unseren Löchern, die Sonne briet uns und wir warteten, was passieren würde. Adrenalin pochte in unseren Adern.

Die tödliche Stille wurde nur ab und zu durch einen zarten Lufthauch unterbrochen. Warten, starren und wieder warten. Die Gedanken pulsen im Hirn, wie das Adrenalin in der Blutbahn. Noch mal die Schutzbrille zurechtrücken, denn der Schweiß trieft. Die Minuten vergehen, körperlicher Ausnahmezustand, aber nichts rührt sich.

Ein paar Meter weiter hockte Lee hinter einem Haufen groben Gerölls, den die Strömung dort zusammengeschoben hatte. In der Hand den Scanner, auf den er gebannt starrte. Alle paar Minuten machte er uns ein Zeichen, dass er nichts auf dem Schirm hatte. Wo blieb KI nur? Völlig unerklärlich. Von hinten kam Erdmann mit ein paar Männern. Sie schleppten weitere Panzerfäuste an.

Schulz, die werden nicht im Fluss hochkommen. Wir haben es mit Panzern zu tun. Du musst die Flanken besser besetzen.“

Ich gaffte ihn ungläubig an. KI mit Kettenfahrzeugen. Das hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Normalerweise war KI immer auf mehreren Beinen unterwegs, nicht an Straßen und Wege gebunden. Erdmann verstand es auch nicht.

Keine Ahnung, warum. Alles, was ich gesehen habe, waren drei panzerähnliche Kettenfahrzeuge. Sahen so aus, wie aus einem Schwarz-Weiß-Film.“

Ich machte mich daran, die Männer die Flanken besetzen zu lassen. Wieder warten. Nur ab und zu ein Zeichen von Lee, dass sich auf seinem Scanner nichts tat.

Der zeigte immer noch nichts an, als sie dann doch auftauchten. Drei Kettenfahrzeuge, wie aus einem anderen Jahrhundert, schoben sich in Keilformation auf der westlichen Seite der Vertiefung, die der Fluss freigewaschen hatte, in unsere Richtung.

Seltsam, äußerst seltsam. Warum zum Teufel versuchte KI, die Oase mit drei Oldtimern zu verteidigen? Ein Ablenkungsmanöver? Es schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass die genau wussten, wo wir steckten.

Noch waren sie mindestens einen Kilometer entfernt, nicht annähernd in Reichweite. Plötzlich stoppte eines der Fahrzeuge. Die anderen beiden gaben Vollgas und rasten direkt auf unsere Stellungen zu. Bis jetzt war kein Schuss gefallen.

Einige Kameraden von uns versuchten, sich seitlich in eine bessere Schussposition zu manövrieren. Ihr Versuch blieb nicht unbemerkt. Die Kampfmaschine im Hintergrund brauchte nur ein paar Sekunden, um ihr Geschütz auszurichten. Dann feuerte sie die erste Granate ab.

Die schoss pfeifend durch die Luft. Und traf. Die Kameraden, die gerade die Uferböschung hochmachten, warfen sich in Deckung. Drei von ihnen fanden sie aber nicht, sondern sich in einem Platzregen aus Granatsplittern und Erdreich wieder. Einen der Männer hatte es schlimm erwischt. Er lag wimmernd und vor allem schutzlos auf der Uferböschung.

Die anderen zwei Panzer rasten weiterhin auf uns zu. Jetzt kamen sie in Schussweite unserer Panzerfäuste. Erdmann und ich mahnten zur Feuerzucht. Der Panzer im Hintergrund justierte sein Geschütz nach und feuerte eine weitere Granate ab. Jeder von uns hatte aber Deckung gefunden, sodass das Teil zwar krachend bei uns einschlug, aber niemanden erwischte.

Dann gab Erdmann den Befehl zum Feuern. Fast zeitgleich pfiffen mehrere Gefechtsköpfe in Richtung der Angreifer. Ein Großteil verfehlte ihr Ziel. Zwei aber trafen. Die Detonation ohrenbetäubend.

Doch nur eine der Kampfmaschinen war getroffen. Turm und eine Kette hatten etwas abbekommen. Da sie sofort blockierte, riss es sie herum und sie kam in einer Wolke aus Staub quer zu unserer Stellung zum Stehen. Ich rief den Männern zu, erneut zu feuern. Während das Gefährt versuchte, sich mit einer Kette auszurichten, konnten wir zwei weitere Gefechtsköpfe absetzen. Einer verlor sich im Nichts, der andere schlug aber mittig ein. Von Panzer zwei hatten wir jetzt nichts mehr zu befürchten.

Panzer eins dagegen brachte sich vor unserer Stellung in Position. Er hatte eine Senke im Flussbett erreicht, die reichlich Deckung bot. Setzte jetzt unaufhörlich seine Maschinengewehre ein, um unser Feuer zu unterdrücken.

Erdmann und ich beschlossen zu versuchen, seitlich an ihn heranzukommen. Ich schnappte mir vier Mann und zwei Panzerfäuste und wir begannen, uns in Richtung des anderen Flussufers vorzuarbeiten. Von Felsbrocken zu Stromschnelle hechten wir aus der Deckung, um uns hinter den nächstbesten Vorsprung zu werfen. Hinter uns tobte weiter ein wildes Geballer.

Endlich fanden wir eine Senke im Boden, die uns ermöglichte, in Fließrichtung weiterzukommen. Wir ergriffen sofort die Gelegenheit. Zu unserer Rechten weiterhin vereinzelte Maschinengewehrsalven. Seine Kanone schien Panzer eins nicht mehr einzusetzen.

Aufrechtes Laufen konnten wir eh vergessen. Den Oberkörper krampfhaft nach vorne gebeugt, schleppten wir Ausrüstung und uns durch die Vertiefung. Die flachte aber zunehmend ab und bot uns immer weniger Unterschlupf. Schließlich mussten wir robben. Schwierig, die Panzerfäuste oder die Kisten mit den Gefechtsköpfen so zu bewegen. Über uns die Sonne, die uns gnadenlos heimleuchtete. Ich schwitze wie ein Schwein beim Schlachter.

Nach einer Ewigkeit kamen wir in Schussposition. In etwa 300 Meter Entfernung konnten wir rechter Hand die Panzerstellung ausmachen. Es war das eingetreten, was ich schon befürchtet hatte. Panzer drei war zu seiner Vorhut aufgerückt und nahm ebenfalls unsere Männer unter Beschuss. Die hatten keine leichten Stand.