Liebe Leser:innen,
mein neues Buch "Wenn der Tod uns nicht mehr scheidet" steht online.
Ich habe euch hier zwei Leseproben eingehängt. Momentan ist diese Seite noch verbesserungswürdig, aber damit ihr schon mal reinlesen könnt. Großes Indianerehrenwort: An dem Layout der Leseproben arbeite ich noch.
Euer Boris
Kapitel 1: Nächtlicher Einsatz
31.05.2065
Der innere Alarm weckte mich. Normalerweise holt er mich per WLAN zart aus dem Schlaf, jetzt pushte er mich mit aller Gewalt hoch. Der neben meiner Niere platzierte Biochip aktivierte das Nebennierenmark, das die maximal zulässige Menge des Hormons so freisetzte. Ein Adrenalinstoß wie ein Vorschlaghammer. In kürzester Zeit kam ich von Null auf Hundert.
Vor Kurzem habe ich meinen einhundertsten Geburtstag gefeiert. Und jedes Jahr feiere ich wieder. Denn wenn man das ewige Leben anvisiert, dann ist jeder Geburtstag ein Meilenstein. Obwohl man eigentlich ja noch unendlich viele vor sich haben sollte.
Ich habe mich nie dazu bringen können, wie es Vorschrift ist, mich mit heruntergelassener Hose abzulegen. Die fehlende Beinfreiheit hat mich kaum richtig schlafen lassen und die paar Sekunden, die ich brauche, um in das Teil hineinzukommen, machen auch keinen Unterschied.
Wir würden jetzt Stunden unterwegs sein. Wir würden durch die Kanalisation in der grünen Zone robben, jeden Busch in den diversen Grünanlagen durchstochern, etliche Mülltonnen ausleeren und auch ungebeten in so manche Wohnung eindringen. Immer auf der Suche. Auf der Suche nach Eindringlingen. Menschen, aber nicht wie wir, die nicht das Recht haben, die grüne Zone zu betreten.
Sie tun dies, weil sie sich auf einem Raubzug befinden. Denn in der Zone gibt es all die Dinge im Überfluss, an die andere Menschen, die ohne integrierte Chips, nicht herankommen.
Der absolute Renner ist jegliche Form von Unterhaltungselektronik, die denen draußen das Leben am Limit etwas versüßt. Obwohl sie kaum an Strom herankommen, um die Teile auch zu betreiben. Denn draußen mangelt es an allem, was dazu dienen könnte, Strom zu erzeugen. Nur auf Schrott oder weitgehend ausgebeutete Lagerstätten erlaubt ihnen die Instanz noch Zugriff.
Tragbar muss alles sein, was die Menschen von draußen abgreifen. Denn viel Zeit bleibt ihnen nicht. Der Schirm über der grünen Zone entdeckt sie meist kurz nachdem sie aus ihren Löchern gekrochen sind und wir rücken aus. Die Truppe, deren Aufgabe es ist, das Eindringen der Elenden, die außerhalb der Zone leben, zu verhindern. Sofern man das Leben nennen kann. Für die Instanz und uns sind sie Untermenschen.
Unser Zug besteht aus achtundzwanzig Frauen und Männern, die speziell dafür ausgerüstet wurden, die Eindringlinge aufzuspüren. Die Instanz stellt uns alles zur Verfügung, was uns dazu befähigt, unsere Arbeit ordnungsgemäß zu erledigen. Unsere wichtigsten Werkzeuge sind Nachtsichtgeräte und Richtmikrofone. Früher gehörten auch Hunde zu unserer Ausrüstung, die aber vor ein paar Jahren durch preisgünstigere technische Hilfsmittel ersetzt wurden. Autonom fahrende Mannschaftswagen bringen uns zu unseren Einsatzorten, bewaffnet sind wir mit automatischen Schnellfeuergewehren.
Auch an diesem Tag galt der Schießbefehl. Die Vorgabe ist, ohne jegliche Vorwarnung auf die Eindringlinge zu schießen, sobald wir sie im Visier haben. Und immer mit dem Ziel, sie bewegungsunfähig zu machen. Gnade walten zu lassen, ist uns ausdrücklich untersagt. Denn ihr Untermenschenmaterial wird noch gebraucht. Ihre Körper dienen uns Menschen in der grünen Zone als Ersatzteillager für körpereigene Organe, die trotz aller Maßnahmen zur Verhinderung des Alterns ihren Dienst nicht mehr versehen.
Die Message an das Ungeziefer draußen soll in ihrer Prägnanz unmissverständlich sein: Wir müssen leider draußen bleiben.
Wenige Sekunden nachdem ich mich aus dem Bett gedrückt hatte, glitt ich mit den Kameraden und Kameradinnen die Feuerwehrrutschstange hinunter und schob mich in das Einsatzfahrzeug. Neben mir der Kollege Ali, der sich gerade seinen Helm mit integriertem Nachtsichtgerät und Sprechfunk überstülpte.
So schnell wie er kam ich nicht auf Touren. Mir gelang es nur, mich derart ins Innere des Busses zu pressen, dass die Automatiktür mir keine meiner Extremitäten kappte. Surrend setzte sich das Elektrofahrzeug in Bewegung. Ein, zwei Minuten würden mir noch bleiben, um meine Einsatzbereitschaft durch das Überstülpen des Helms und die Aufnahme und das Entsichern des Schnellfeuergewehres herzustellen.
Der Bus schoss mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die nächtliche Zone. Die wenigen anderen Fahrzeuge, die noch unterwegs waren, überholte er mit beeindruckender Präzision.
Während wir vor dem Seenpark abrupt zum Stehen kamen, gelang es mir, das Display des Helms herunterzuklappen und mich auf die gemeinsame Funkfrequenz aufzuschalten. Im Display erschienen genaue Anweisungen, wohin ich zu gehen hätte.
Normalerweise jagen wir allein. Die waffentechnische Überlegenheit und die Unterstützung durch Drohnen, die den Einsatz koordinieren, machen die Aktion für uns zum Tontaubenschießen. Selbst wenn sich ein paar der Kreaturen von draußen zusammenrotteten, konnten sie gegen einen massiven Feuerstoß nichts ausrichten. Jeglicher Hinterhalt wurde uns von Drohen gemeldet.
Den Richtungsweisungen auf dem Display folgend, stürmte ich in den Park. Meine Kolleginnen und Kollegen taten es mir nach. Die Anweisungen dirigierten mich zu einer Imbissbude direkt am See, einem Hüttchen mit nicht mehr als fünfzehn Quadratmetern Grundfläche.
Bei einem der Fenster war die Scheibe eingeschlagen und es dann durch einen Griff nach innen geöffnet worden. Die Wärmebildkamera projizierte eine menschliche Silhouette auf mein Display.
Doch auch ich war nicht unbemerkt geblieben. Der Eindringling hatte sich in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden, in einem Vorratsschrank versteckt.
Vorsichtig schob ich das Fenster der Imbissbude weiter auf und schaltete das Zielfernrohr meiner Knarre ebenfalls auf Wärmebild um. Die Silhouette im Schrank bewegte sich nicht. Die Feind-Freund-Erkennung in meinem Helm gab den Schuss frei. Die Drohne über mir meldete keine Bedrohungen.
Ich drückte ab. Doppelschuss, Kombination Körper-Kopf, zumindest was das Wärmebild hergab. Der Getroffene zuckte kurz, dann erstarrte er.
Den sicheren Tötungsschuss konnte ich mir nicht verkneifen. Der schlug zwar ein drittes Loch in die Schranktür, das Furnier splitterte ordentlich, aber der Körper im Schrank bewegte sich nicht mehr. Keinen Millimeter.
Immer noch schussbereit stieg ich ins Innere des Kiosks. Mit dem Lauf meiner Waffe schob ich die Schranktür auf. Zwischen Putzmitteln und Reinigungsutensilien eingezwängt der Körper der Kreatur von draußen. Aus drei Schusswunden quoll das Blut. Der war hinüber. In einer Plastiktüte hatte er seine Beute verwahrt. Die Beute, die ihm das Leben gekostet hatte. Sie bestand aus ein paar Küchengeräten und einigen Konservendosen.
»Schütze 14 meldet Abschuss!«, setzte ich ins Mikrofon ab. Die Instanz bestätigte.
Sie würde umgehend einen Bergungstrupp schicken, der sich um den Kadaver kümmerte. Das hieß, ihn zu unterkühlen und schnellstmöglich zur nächsten Körperverwertungsstelle zu liefern. Dort würde man ihm alles entnehmen, was sich noch als Organspende verwerten ließ.
Ich habe mich so manches Mal gefragt, warum die Instanz es uns überließ, Jagd auf die Eindringlinge zu machen. Aber es gibt Fragen, die man als Bewohnerin oder Bewohner der grünen Zone besser nicht stellt. Sicher gab es seltene Momente, in denen man in Gesprächen mit den Kollegen die Masken fallen lassen konnte und solche Tabus anriss. Eine Erklärung war, dass die Instanz, um nicht den Anschein totaler Kontrolle zu erwecken, meine Kollegen und Kolleginnen einschließlich meiner Person dazu einsetzte, um den Eindringlingen den Garaus zu machen. Eine andere war, wenn die sich gegenseitig die Schädel einschlagen, dann ist das nicht unser Problem. Erklärungen, die mir einigermaßen einleuchteten.
Als ich einmal mit Ali darüber sprach, lachte er mir ins Gesicht und sagte rundheraus: »Du denkst viel zu kompliziert, mein Freund. Vor dreißig Jahren haben Menschen im Schlachthof gearbeitet, vor fünfundzwanzig Jahren immer noch. Niemand, nicht mal die Instanz ist auf die Idee gekommen, das zu ändern. Warum auch? Never change a running system!
Aber für solche verbotenen Gedanken hatte ich jetzt eh keine Zeit. Denn mein Display wies mir erneut den Weg. Ich turnte wieder zurück ins Freie und steuerte mein nächstes Ziel an. Im Laufschritt ging es über das Kiesbett des Seeufers.
Der See war nach höchsten Standards der Gartenbaukunst angelegt worden. Am Ufer reihten sich Pinien, Zypressen und Kiefern, die den Besuchern tagsüber als Schattenspender die Möglichkeit zum Verweilen boten. Unter den Bäumen hölzerne Sitzgruppen, die den Verzehr des mitgebrachten Proviants zum erholsamen Vergnügen machten. Während man allerlei Leckereien genoss, ließ man die Augen über den See schweifen und ergötzte sich am Anblick der verschiedensten, auf kleinen Inselchen angelegten Beete mit exotischsten Gewächsen. Schwäne und Gänse zogen ihre meditativen Bahnen durch das eher brackige Gewässer, um ab und an Brotreste aufzuschnappen, die ihnen Besucher zuwarfen. Nahrungsmangel war den Tieren unbekannt.
Aber jetzt, mitten in der Nacht war die Szenerie nicht so beschaulich, in der Dunkelheit gab die Farbenpracht wesentlich weniger her. Außerdem war ich nicht hier, um mich zu erholen, sondern um zu töten.
Ich schnaufte ordentlich, als ich mein Zielobjekt eingeholt hatte. Dem war meine Ankunft, so sehr ich mich auch bemüht hatte, mich unauffällig zu nähern, nicht verborgen geblieben. Der Mann um die zwanzig versuchte, getrieben von der nackten Angst um sein Leben, in Büschen Deckung zu finden.
Doch die hochmoderne Überwachungstechnik hatte ihn erfasst und bot ihm keine Möglichkeit des Entkommens. Um ihn in freies Schussfeld zu bekommen, feuerte ich eine Garbe in Richtung des Gestrüpps. Panisch sprang der Mann aus seine Deckung.
Was ihm aber auch nicht half, seine Lage noch aussichtsloser machte, denn er lief mir direkt vor die Flinte. Zwei Schüsse hallten durch die Nacht und gaben ihm den Rest.
»Schütze 14 meldet weiteren Abschuss an aktueller Position«, vermeldete ich lakonisch. Wieder bestätigte die Instanz.
Ich gönnte mir auf einer der Sitzgelegenheiten eine kurze Verschnaufpause. In der Ferne hörte ich weitere Schüsse und verzweifelte Schreie.
Wieder einigermaßen bei Atem, wartete ich auf den nächsten Einsatz. Es kam aber nichts rein. Neben der Leiche rumzusitzen, drückte aufs Gemüt. Der Mann war Anfang zwanzig, athletischer Körperbau, dunkler Teint, ein ebenmäßiges Gesicht, fast anmutige Züge. Die Augen vom Todeskampf weit aufgerissen.
Aber die Entbehrungen des Lebens da draußen hatten schon ihre Spuren hinterlassen. Die Hände voller Schwielen, die Fingernägel kurz und doch unterlegt mit pechschwarzen Rändern. Narben an Armen und Beinen zeugten von den Kämpfen, die der junge Mann in seinem kurzen Leben schon hatte ausfechten müssen.
Ich habe das Leben nie als besonderes Geschenk empfunden. Eher als Tatsache, der man so leicht nicht entkommt. Deshalb hat es mir nie besondere Skrupel bereitet, den Teil meiner Menschenbrüder, den uns die Instanz als minderwertige Untermenschen andient, zu töten. Denn ich erlöse sie damit aus ihrer elenden animalischen Existenz, womit ich gut leben kann. Sogar für immer?
Trotzdem beschloss ich, mich woanders niederzulassen, um den Output meiner nächtlichen Bemühungen nicht mehr vor Augen zu haben. Ein Kammerjäger kennt wahrscheinlich einen erhebenderen Anblick als die Früchte seiner Arbeit.
Es war erstaunlich still um mich geworden. Auch über Funk kamen keine Einsatzbefehle herein. Was mich in der Überzeugung bestärkte, dass der Einsatz gelaufen war.
Jetzt gleich schlafen, daran war nicht zu denken. Ich lief zwar nicht mehr auf Hochtouren, war aber noch ordentlich wach. So schlenderte ich auf dem sauber gepflasterten Pfad am Ufer des Sees entlang und genoss die morbide Stille des menschenleeren Parks. Am Horizont ließ sich die erste Morgenröte erahnen.
Dann drei Flecken auf dem sonst blitzblank gefegten Pflaster. Blut? Ich hätte sofort die Einsatzleitung informieren müssen, Verstärkung anfordern. Eine Drohne, die sicherstellt, dass ich in keinen Hinterhalt geriet. Entgegen jeder Vorschrift tat ich es nicht. Warum ein Riesentheater wegen ein paar Spritzern Blut machen?
Außerdem war mir so danach, meinen Gedanken nachzuhängen. Ich war jetzt einhundertfünfzehn Jahre alt. Ich hatte so viel gesehen, so viel erlebt. Was würde da noch kommen? Gab es noch etwas, was ich nicht gesehen, gelesen, gerochen, gefühlt oder geschmeckt hatte? Mir fiel nichts ein.
~
Hier war ich für die nächsten Minuten sicher. Es hatte mich so mittel erwischt. Über der rechten Hüfte ein Einschuss. Zwar nur eine Fleischwunde, die aber wie Sau blutete. Im linken Unterarm ein Durchschuss, der wohl auch die Elle touchiert hatte. Die Schmerzen noch erträglich. Der Puls dagegen auf weit über hundert.
Wie ich in diese missliche Lage gekommen war? Ich kann lesen und schreiben, im Gegensatz zu vielen meiner Mitmenschen von draußen. Der Vater hatte es mir beigebracht. »Wenn ich dir schon nichts anders schenken kann ...«, war sein Spruch gewesen.
Was hilft es, wenn man beim Klauen lesen kann? Viel, denn man findet leichter den Weg zurück und auch was zum Klauen.
Sven, der nichts mit Buchstaben anfangen konnte, hatte mir das Leben gerettet. Er hatte die Kugeln eingefangen, die für mich bestimmt gewesen waren. Wäre er in Deckung geblieben, dann hätten sie mich durchsiebt. So verschaffte er mir die Sekundenbruchteile, in denen ich mich die Böschung herabfallen ließ. Ihn kosteten sie das Leben.
Dass es mich trotzdem erwischt hatte, realisierte ich erst, als ich aus dem Park war. In dem Moment, wie ich mich über den Zaun in den Vorgarten des Reihenhauses schwingen wollte, merkte ich endlich, dass auch ich etwas abbekommen hatte.
Nur mit Mühe und dem rechten Arm gelang es mir, mich über das Drahtgeflecht zu hieven. Um auf der anderen Seite schmerzhaft im Vorgarten aufzuschlagen.
Ich musste einfach liegen bleiben. Zu lähmend war der Schmerz. Lag da wimmernd, verzweifelt auf der Suche nach einem Ausweg. Der einzige schien eine Außentreppe zum Keller des Hauses zu sein, die mich erst mal unsichtbar machen würde. Mit der rechten Hand gelang es mir, meinen Kuhfuß, das Standardwerkzeug des erfolgreichen Einbrechers, aus meinem Rückenbeutel zu ziehen und mich auf ihn gestützt die Außentreppe herunterzuschleppen.
Fast hätte ich es nicht ohne Sturz geschafft. Mehrere Male hielt mich nur der Kuhfuß in der Senkrechten.
Plötzlich brach im Park die Hölle los. Ein Hubschrauber startete keine fünfzig Meter von mir entfernt. Damit brachten sie vermutlich meine abgeschossenen Kameraden in die Körperverwertungsanstalt, um deren noch brauchbare Körperteile auszuschlachten.
Der Lärm war meine Chance. Ich setzte den Kuhfuß an der Kellertür an. Ohne größeren Widerstand drang er in das morsche Holz des Türrahmens ein. Die Tür aufzudrücken kostete mich ordentlich Kraft. Nach Luft schnappend hing ich fest. Feuerte mich innerlich an, mich in den Keller zu schieben. Aus meiner Hüfte quoll weiter Blut. Doch mein Körper spielte nicht mit. Ich kam einfach nicht weiter. Verharrte hyperventilierend.
Endlich gelang es mir, von der reinen Todesangst getrieben, mir den Schubs zu geben, mich in den Keller zu quetschen. Ich zog die Tür zu, die jetzt nicht mehr richtig schloss. Wenigstens fühlte ich mich für den Moment sicher, wichtig für die Psyche. Allerdings stand ich nun im Dunklen …
Kapitel 5: Ende einer wilden Ehe
Ab dem 28.6.2065
… Waana ging es immer besser. Unser Sex wurde Tag für Tag ideenreicher, gymnastischer, süchtiger. Je näher der Moment rückte, in dem ich sie aus der Zone bringen musste, desto abhängiger wurde ich von den Stunden, die mir diese Frau, die meine Urenkelin hätte sein können, schenkte. Ich alter Sack war verliebt.
Der virtuelle Sex, den einem das Bio-Informatik-Interface schenkt, ist wirklich nicht schlecht. Es ist das Danach, das einen so allein lässt. Denn irgendwann kommt immer der Punkt, an dem man aus dem süßen Traum aussteigen muss. Und dann ist man so unendlich allein.
Ich wäre nicht Otto, wenn ich komplett den Verstand verloren hätte. Trotzdem zermarterte ich mir, verzweifelt einen Weg suchend, das Hirn, wie ich Waana behalten konnte. Ohne sie bei mir daheim wie ein Haustier zu halten.
Doch selbst wenn ich alle Hebel in Bewegung gesetzt hätte, nie wäre es mir gelungen, Waana hier in der grünen Zone legal zu machen.
Ich tat, was ich tun musste. Kaufte und stahl alles zusammen, was ich meiner großen Liebe mit auf den Weg geben würde, wenn ich sie aus der Zone herausbrachte. Zwei Rucksäcke hatte ich zu packen. Den großen, den ich bis zu unserer Trennung schleppen würde, und den kleinen, den sie dann noch mittragen konnte, wenn sie allein weiter musste. Jedes Teil, das ich einpackte, brach mir das Herz.
Den Tag, an dessen Abend wir aufbrechen würden, hatte ich mir freigehalten. Wir verbrachten ihn mit Fernsehen, Videospielen, kulinarischen Genüssen, ein paar Gläsern Wein und natürlich viel, viel Sex.
Gegen achtzehn Uhr war es dann so weit. Waana badete sich nochmal ausgiebig, ich besorgte derweil das Auto. Diesmal war es ein 1970er Dodge Challenger. Eine Riesenschüssel mit über sieben Litern Hubraum verteilt auf acht Zylinder. Ein geiles Auto, aber es war mir heute sowas von egal. Es sollte nur dazu dienen, Waana dort an den Stadtrand zu bringen, wo wir unauffällig in die Unterwelt hinabsteigen konnten.
Vor Jahren war eine Gruppe von draußen über einen stillgelegten Eisenbahntunnel in die Zone eingedrungen. Dazu hatten sie eine Wand aus Ziegelsteinen durchschlagen und mehrere Eisengitter durchsägt. Doch am Ende des Tunnels war kein Licht gewesen, sondern meine Einheit und ich. Wir hatten kurzen Prozess gemacht und die Kadaver der Körperverwertungsstelle überlassen.
Nach verrichteter Arbeit plagte mich meine Verdauung. Ich ging etwa hundertfünfzig Meter in den Tunnel zurück, um mich zu entleeren. Gerade, als ich dort ohne Hosen hockte, sah ich im schummrigen Licht diese Gestalt in einiger Entfernung, wie sie in einer Öffnung im Boden verschwand.
Der Typ musst unter dem Radar durchgetaucht sein. Sein Glück, dass ich mich wegen der heruntergelassenen Hose nicht schnell genug in Schussposition bringen konnte.
Nachdem ich mein Geschäft beendet hatte, konnte ich es mir nicht verkneifen, einen Blick auf das unscheinbare Loch im Boden zu werfen. Ein rechteckiger Schacht, den man auch von unten gut mit ein paar Brettern kaschieren konnte. Ich beschloss, dass mir der Weg nach draußen nochmal wichtig sein könnte und dass ich ihn für mich behalten würde. Ich sollte recht haben.
Logischerweise hatte die Instanz veranlasst, dass alle Zugangsmöglichkeiten zum Tunnel im Nachgang der Aktion dichtgemacht wurden. Nur eben das unscheinbare Loch war ihr entgangen.
Ein paar Tage später war ich zurückgekommen und hatte den Einstieg mit mehreren U-Profilen so verrammelt, dass man von draußen nicht mehr durchkam. Von innen käme ich aber noch durch, wenn ich denn müsste oder wollte.
Zurück in meiner Bude wartete Waana auf mich. Alles stand bereit. Die Rucksäcke, zwei Nachtsichtgeräte aus der Asservatenkammer, meine Knarre, Werkzeug und eine fette Brechstange. Und natürlich Amira.
Sobald ich die Wohnung betreten hatte, fing sie an, auf mich einzureden. Ob ich mich komplett ruinieren wolle? Ob mir klar sei, was passiere, wenn sie mich mit der Schlampe erwischten? Dass ich das Leben da draußen keine zwei Wochen überstehen würde! Ob ich mein jetziges Leben einfach so wegwerfen wolle?
Als es mir zu viel wurde, sperrte ich sie im Schlafzimmer ein. Zuerst brachte ich alles, was wir mitnehmen wollten, in den Dodge. Dann verstaute sich Waana wieder in der Aluminiumbox. Diesmal war es nicht ganz so schmerzhaft, denn ihr ging es viel besser. Mit Mühe wuchtete ich die Kiste in den Kofferraum des Boliden. Dort konnte ich die Verschlüsse öffnen, sodass Waana es sich ein bisschen gemütlicher machen konnte. Doch damit wir unentdeckt blieben, musste sie mit dem Kofferraum vorliebnehmen.
Der Dodge sprang nach wenigen Umdrehungen des Anlassers an und der Motor begann zu wummern. Ausnahmsweise gab ich mal vorsichtig Gas. Ich wollte ja keinesfalls auffallen.
Eine gute halbe Stunde später kamen wir am Tunnel an. Ich parkte den Dodge unter Bäumen, damit eventuelle Drohnen kein allzu leichtes Spiel hatten.
Die Sonne war untergegangen, hier am Rand der grünen Zone war es ziemlich finster. Gut für uns. Grillen zirpten, ansonsten herrschte Stille. Ich stülpte mir ein Nachtsichtgerät über und öffnete den Kofferraum. Waana kletterte heraus. Wir bepackten uns und stapften los. Auch Waana trug ein Nachtsichtgerät.
Der ehemalige Eisenbahntunnel wurde jetzt durch eine Ziegelwand versperrt. Um gewisse Kontrollfunktionen noch ausüben zu können, hatte man eine Tür mit verbaut. Die Überwachungskamera darüber setzte ich mit einem gezielten Schuss außer Gefecht. Der Brechstange gab die Tür fast widerstandslos nach. Nachdem wir sie hinter uns zugezogen hatten, umgab uns totale Dunkelheit.
Zweifellos würde die »Instanz« den Ausfall der Kamera registrieren. Aber gerade derart exponierte Geräte versagten allzu oft. Sofern nicht weitere Sensoren anschlugen, würde man zu gegebener Zeit einfach einen Reparaturtrupp vorbeischicken. Das war das Zeitfenster, dass mir blieb, um wieder in die Zone zurückzukehren.
Da die Nachtsichtgeräte mit Infrarotstrahlern arbeiteten, konnten wir die Umrisse aller möglichen Hindernisse erkennen, die sich uns im Tunnel in den Weg stellen würden.
Taschenlampen zu verwenden, wagte ich nicht. Zu groß das Risiko, dass auch noch im Tunnel Kameras verbaut waren.
Wir wanderten in Richtung des Einstiegslochs. Das war noch die leichte Übung, denn bis dorthin kannte ich den Weg.
Mittels Ratsche, Verlängerung und siebzehner Nuss drehte ich die Schrauben auf, welche die U-Profile über dem Einstiegsloch fixierten. Der Geruch, der uns aus dem Loch entgegenkam, war ekelerregend. Ein eindeutiges Indiz dafür, dass in dem Schacht, der uns erwartete, organisches Material vor sich hinfaulte.
An Nasenklemmen hatte ich nicht gedacht. Folglich mussten wir uns in den Gestank hinablassen. Der Schacht hatte sicherlich irgendwann der Belüftung oder Entwässerung gedient. Da er kaum mehr als eineinhalb Meter hoch war, mussten wir uns ordentlich bücken, um uns nicht den Schädel einzurennen. Immer wieder blieb ich mit dem Rucksack irgendwo hängen.
Auch stolperte ich dauernd über Müll, der auf dem Boden lag. Je nach Material hatte die Wärmebildkamera Schwierigkeiten, die Umrisse deutlich abzubilden. Irgendwann wurde es mir zu dumm und ich zog die Taschenlampe aus meinem Gürtel.
In ihrem Licht erkannte man den Müll und die anderen Verunreinigungen im Tunnel in einer Qualität, die man in der Form gar nicht gewollt hätte. Zumindest wurde die Frage, warum es hier so stank, damit hinreichend geklärt. Auch gelang es einem, seine Schritte besser zu setzen.
Noch immer wussten wir nicht, ob wir auf diesem Weg wirklich nach draußen kommen würden. Alles war möglich. Insgeheim hoffte ich, dass wir irgendwann auf ein unüberwindliches Hindernis stoßen würden. Doch dem war nicht so. Nach gefühlten Stunden sah ich Licht am Ende des Tunnels. Nicht, dass die Sonne schon aufgegangen wäre, aber man konnte deutlich einen Lichtschein ausmachen.
Dann war es so weit, wir traten ins Freie. Der Mond erleuchtete die sternenklare Nacht, wodurch wir ganz gut ausmachen konnten, wo wir uns befanden. Der Ort glich einer Müllhalde. In früheren Zeiten musste der Abwasserkanal eine Unmenge Unrat mit sich geführt haben. Durch die Müllschicht spross spärlicher Bewuchs. So was gab es nicht in der Zone, wir mussten draußen sein. Alles in mir sträubte sich gegen das, was jetzt kam. Ich stand regungslos da und glotzte in das Halbdunkel.
»Otto, du weißt, ich werde dich nie vergessen«, flüsterte Waana. »Du hast mich dem Totenreich entrissen. Du bist ein guter Kerl!«
Ich drückte sie ganz fest an mich. Saugte alles von dem Wesen ein, das ich so verzweifelt liebgewonnen hatte. Wollte sie nicht mehr loslassen. Ich hätte es wahrscheinlich auch nicht gemacht, wenn nicht plötzlich Bewegung in die laue Mondnacht gekommen wäre. Zuerst hatte es nur geraschelt, dann aber konnte man die Hundemeute, die auf uns zustürmte, unmissverständlich ausmachen. Endlich gab ich Waana frei.
So spät, dass ich den ersten Köter mit dem Kolben meines Gewehrs ausknocken musste. Glücklicherweise traf ich ins Schwarze, sodass man das Knacken seines Kiefers deutlich vernahm und er winselnd den Rückzug antrat. Was mir Zeit gab, das Gewehr an meine Schulter hochzureißen und meinen Finger am Abzug zu platzieren.
Den zweiten Köter tötete ich im Sprung, sein Maul war keine Armlänge von mir entfernt, als ich abdrückte. Im Moment des Todes schlug er vor mir auf dem Boden auf.
Doch die Meute stürmte weiter auf uns zu. Jetzt rächte sich, dass ich Waana nicht ihre Pistole ausgehändigt hatte. Saudumm, denn sie stand nahezu wehrlos hinter mir. Konnte den ein oder anderen Stein aufheben und ihn der Meute entgegen werfen. Mehr nicht.
In enger Kadenz musste ich eine Töle nach der anderen ausschalten. Obwohl schon einige Kadaver blutend vor uns lagen, ließ die Meute nicht von uns ab. Ich schoss ohne Pause weiter. Mein Magazin fasste achtzehn Schuss. Elf davon hatte ich schon abgefeuert. Was tun, wenn mir die Munition ausging? An einen Magazinwechsel war nicht zu denken.
Waana war es gelungen, ein rostiges Metallrohr abzugreifen. Mit dem sicherte sie jetzt meine linke Flanke. So mancher Köter verlor durch das flink geführte Rohr einen oder mehrere Zähne. Und trollte sich jaulend.
Sieben, sechs, fünf. Gleich würde mein Magazin leer sein. Die Meute stürmte jetzt zwar nicht mehr so massiert auf uns ein, doch ich wagte es nicht, sie nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen.
»Waana, schnapp dir die Pistole. Rechte Außentasche am Rucksack!«
Vier, drei! Jetzt hatte ich noch zwei Kugeln im Magazin. Vor mir weiter ein Rudel kläffender, die Zähne fletschender Köter. Ich spürte, wie sich Waana am Rucksack zu schaffen machte, während ich meine letzten zwei Kugeln versenkte. Nun hieß es umgreifen und das Gewehr zum Schlagstock zu degradieren. Doch ich kam nicht mehr zum ersten Hieb.
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Waana feuerte ohne Unterlass. Mähte den Rest des Rudels mit gezielten Schüssen nieder. Der letzte Köter, eben noch die Zähne fletschend, sank verendend in sich zusammen. …